Samstag, 28. Juli 2012

Juli-Buch

Auf der Vollendet-Facebookseite hatte ich das Glück, als Vorableser ausgewählt zu werden und das Buch schon vor Erscheinen zu lesen. Meine Leseeindrücke habe ich anhand der vorgegebenen Teile festgehalten, verrate aber natürlich nicht zu viel von der Handlung.

Mein erster Eindruck:
Die Einbandgestaltung gefällt mir sehr gut - das bedruckte Hardcover glänzt silbern und wirkt wie eine zerschrammte Metalloberfläche, auf der blutstropfenartig der Titelschriftzug Vollendet steht. Ich finde die Optik nicht unbedingt Jugendbuch-typisch, das Buch könnte auch sehr gut bei der Erwachsenenliteratur, Abteilung Thriller, stehen.  

Teil 1:
Die Geschichte wird in der Gegenwartsform und kapitelweise jeweils aus der Sicht eines (Haupt-)Protagonisten erzählt, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Der rebellische Connor wird von seinen Eltern zur Umwandlung bestimmt, weil er ihnen nur Probleme macht. Doch Connor ist nicht blöd und merkt schon vorher, was ihm blüht, und mimt kurzfristig den Mustersohn, um seine Eltern zu bestrafen. Die eigensinnige Risa ist ein Waisenkind mit musikalischem Talent, das aufgrund staatlicher Bestimmungen durch ein Raster fällt und umgewandelt werden soll. Lev hingegen ist ein Zehntopfer. Er weiß schon sein ganzes Leben lang, welchen Sinn er zu erfüllen hat, da er in einer sehr religiösen Familie aufgewachsen ist, und fühlt sich als etwas ganz besonderes. Dramatische Umstände führen die drei zusammen und machen sie zu unfreiwilligen Gefährten...

Die Idee, die hinter dem Buch steht, ist krass und gar nicht so unrealistisch. Deshalb ist es umso faszinierender und erschreckender, in dieses Szenario einzutauchen.



Teil 2:
Wandler gingen nicht mit einem Knall, nicht einmal mit einem Winseln. Sie verloschen still wie eine Kerzenflamme, die zwischen zwei Fingern ausgedrückt wird. (Seite 128)

Nun gehts es so langsam in die Tiefe, man erfährt mehr die Gesellschaft, in der Connor, Lev und Risa leben. Auffällig finde ich, dass zu vielen anderen Personen textlich eine gewisse Distanz aufgebaut wird. Manche erhalten gar keinen Namen oder werden trotz Name allgemein bezeichnet, sei es "Mutter", "Baby" oder "Lehrerin". Nur die wichtigen Figuren treten namentlich auf und ganz wenige erhalten einen Hintergrund.  

Teil 3:
Wer ein Ziel hat, hat eine Zukunft. (Seite 158)

Auch wenn dieses Ziel vielleicht nur das blanke Überleben, einen Tag nach dem anderen, beinhaltet? Dieser Teil wird mit einem Text eingeleitet, der sich auf einen realen BBC-Bericht über verschwundene Neugeborene in der Ukraine bezieht. Der respektlose Umgang mit Menschenleben und Organhandel sind schon lange Fakt, umso krasser erscheint die Lektüre von Vollendet, da dieses Zukunftsszenario gar nicht so unrealistisch ist...

Der BBC-Bericht ist nicht mehr verfügbar, dafür die ZDF-Reportage "Die verschwundenen Babys von Charkow":
Video 1
Video 2
Video 3

Teil 4:
Er versucht sich vorzustellen, wie sein Geist gedehnt wird, bis er so dünn und lang ist, dass er rund um den Erdball reicht. Er sieht ein Netz vor sich, gespannt zwischen Tausenden von Menschen, die seine Hände erhaben, seine Augen und Teile seines Gehirns – Teile, die er alle nicht mehr kontrollieren kann, weil sie vom Körper und vom Willen anderer verschluckt werden. Kann Bewusstsein so existieren? (Seite 216)




Auch dieser Teil beginnt mit der Vorstellung eines realen Falles: 2001 versuchte ein Mann, online seine Seele zu versteigern und wurde von Ebay entsprechend verwarnt. Laut einem Spiegel-Artikel ist es einem anderen jungen Mann sogar gelungen, seine Auktion zu Ende zu führen, auch wenn er schlussendlich in Lieferschwierigkeiten kam..

Nicht nur die Hauptfiguren, sondern auch der Leser muss sich nun Fragen stellen wie
Ab wann beginnt das Leben?
Gibt es eine Seele?
Wenn ja, ab wann existiert sie?

Teil 5:
Es ist unsichtbar, doch es ist da, wie der tödliche Strom, der in einem unterirdischen Hochspannungskabel fließt. Wut, aber mehr als Wut: der Wille, die Wut auch umzusetzen. (Seite 290)

Spätestens jetzt wird deutlich, wie vielschichtig Vollendet ist. Es geht nicht nur um ethische Grundsätze, vielmehr ist es eine Gesellschaftskritik, bei dem Unangenehmes hinterfragt wird, außerdem werden Menschen und ihr Verhalten in Ausnahmesituation ungeschönt beobachtet. Hier fühlte ich mich in Ansätzen an den Klassiker Herr der Fliegen erinnert.

Teil 6:
Niemand weiß, wie es geschieht. Niemand weiß, wie es gemacht wird. Die Ernte ist ein geheimes medizinisches Ritual, das in jeder Ernteklinik der Nation in den eigenen vier Wänden bleibt. Insofern ist es dem Tod gar nicht so unähnlich, von dem auch niemand weiß, welche Geheimnisse sich hinter seinen Türen verbergen. (Seite 371)

Dieser Teil hat mich schlicht sprachlos gemacht.

Teil 7:
Sogar ein so unwirtlicher Ort wie dieser kann, im richtigen Licht betrachtet, wunderschön sein. (Seite 429)

Die Geschichte des Romans ist in sich stimmig abgeschlossen und kann für sich alleine gelesen werden, es wird jedoch im August eine Fortsetzung erscheinen, die auf den Geschehnissen basiert: UnWholly (Unwind)

Fazit:
Neil Shustermans Szenario in Vollendet ist realistisch, erschreckend, schrecklich, spannend und emotional aufwühlend. Nie weiß man, was einen auf der nächsten Seite erwartet, und man wird immer wieder überrascht, auch von seinen eigenen Gedanken und Gefühlen, die beim Lesen ausgelöst werden.
Empfehlen würde ich das Buch frühestens ab 16 Jahren, es würde sich außerdem bestimmt sehr gut als Oberstufenlektüre, zum Beispiel im Ethikunterricht, eignen.






Neal Shusterman
Vollendet
Sauerländer Verlag
432 Seiten
gebunden
ISBN-13: 978-3-411-80992-9
Cover © Sauerländer Verlag

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