Montag, 9. Januar 2012

Januar-Buch

Auf den neuen Thriller Retrum aus dem Loewe Verlag war ich schon seit der Frankfurter Buchmesse neugierig und habe mich deshalb sehr gefreut, dass ich ihn im Rahmen einer Leserunde bei Lies & Lausch lesen durfte.
Sun was hiding into the clouds
Black birds flew over the graveyard
I was feeling half dead inside
Without knowing you were half alive

(Seite 8)
Zum Inhalt:
Seit dem tragischen Tod seines Zwillingsbruders Julián ist Christians Familie zerbrochen. Nachdem seine Mutter wegen des erlebten Unglücks nach Amerika zu ihrer Schwester floh, sitzt sein Vater den ganzen Tag vor dem Fernseher, um den Schmerz zu betäuben. Christian hingegen funktioniert einfach nur noch, indem er seinen Vater und sich versorgt, in der Schule das Nötigste tut, und ansonsten in eine ganz eigene Welt flieht. Eine Welt voller dunkler Gedanken, in der er sich mit klassischer Musik, englischen Schauerromanen und Gedichten beschäftigt und innere Einkehr auf dem örtlichen Friedhof findet, wo er Stunden verbringt. Einzig seine Klassenkameradin Alba dringt manchmal zu ihm durch, wenn er es zulässt. Doch dann lernt Christian drei Jugendliche auf dem Friedhof kennen, Alexia, Robert und Lorena, die sich selbst "Die Blassen" nennen. Dunkel gewandet und weiß geschminkt verbringen sie gerne die Nächte auf den Friedhöfen in der Umgebung, um den Toten nahe zu sein. Selbst in seiner Trauer gefangen, fühlt sich Christian direkt zu der Gruppe hingezogen, vor allem zu der faszinierenden und schönen Alexia. Aber das Spiel mit dem Tod ist gefährlich...

Sprache, Stil, Figuren:
Die Geschichte wird aus der Ich-Perspektive von Christian in der Vergangenheitsform erzählt. In einem gemächlichen Erzähltempo entfaltet sich dessen Leben vor den Augen des Lesers, seine Vergangenheit, die ihm zu dem gemacht hat, was er ist, seine Gegenwart zwischen Stagnation und Sehnsucht, aber auch die Zukunft, die manchmal in Form eines Kommentars aufblitzt. Wie schon der Genre-Stempel "Thriller" auf dem Cover des Buches machen diese Andeutungen neugierig auf die kommenden dramatischen Ereignisse, doch man muss einige Geduld aufbringen, bis wirklich etwas passiert.

Fasziniert betrachtete ich die Schönheit des Friedhofs im Morgenlicht. Die Statuen schienen wie Wesen, die jeden Augenblick zum Leben erwachen konnten. Die Marmorfigur der jungen Frau, die auf dem Grabstein neben mir stand, sah sogar nicht mehr ganz so traurig aus.
(Seite 88)

Das Buch ist in 5 Teile untergliedert, die jeweils recht kurz gehaltene Kapitel umfassen, welche stets mit einem stimmungsvollen Zitat passend zur Thematik begonnen werden. Der Stil ist oftmals sehr poetisch, die Zitate, Gedichte und Songtexte sorgen für eine träumerische Stimmung. Die Spannung kommt deshalb zu Beginn zu kurz, es sei denn, man gruselt sich schon bei reinen Friedhofsbeschreibungen oder dem Anblick geschminkter Gothics.


Deshalb zweifelte ich ungefähr die Hälfte des Buches, ob es wirklich ein Thriller ist. Dafür lag einfach zu wenig Spannung und Bedrohung in der Luft. Als es dann endlich losgeht, weist die Geschichte einige Lücken und offene Fragen auf, die die spätere Auflösung irgendwie unglaubwürdig machen. Auch die Entwicklung der Charaktere ist recht schwach. Man erfährt kaum etwas über Christians Mitmenschen, da er eine passive Art im Umgang mit ihnen hat und alles wie gegeben hinnimmt, sodass sie ziemlich blass bleiben. Das ist sehr schade, hätte ich gerne zum Beispiel gerne mehr von dem Künstler Gerard gelesen und auch andere Seiten an der verführerischen Alexia, der selbstlosen Alba und den beiden Blassen Lorena und Robert entdeckt.

Fazit:
Retrum ist ein nachdenkliches, poetisch geschriebenes Jugendbuch über das Erwachsenwerden, dem Umgang mit großen Verlusten und der ersten Liebe. Die Thriller-Elemente waren jedoch für meinen Geschmack zu wenig und tauchten erst in der zweiten Hälfte des Buches auf. Wegen inhaltlicher Schwächen konnte mich zudem die Auflösung nicht recht überzeugen, sodass ich nur bedingt eine Empfehlung aussprechen kann. Freunde leiser Töne mit einem Faible für Gothic und abgedrehte Wendungen kommen aber sicher auf ihre Kosten.

Ausstattung:
Mit Retrum wird deutlich - die Thriller vom Loewe Verlag werden derzeit passend zueinander produziert, genauso wie bei Saeculum handelt es sich um ein Klappenbroschur aus Naturpapier mit einem schwarzen Schnitt. Das Cover ist düster mit einem Scherenschnitt von einer Friedhofslandschaft gestaltet, die wie auf einem alten zerknitterten Papier gedruckt scheint, das dunkel und ausgefranst in die schwarzen Buchkanten übergeht. Der Schriftzug Retrum ist in einem Dunkellila gehalten, hat in seinem Zentrum ein antikes Kreuz stehen und wurde zusätzlich lackiert. Im Innenteil haben die Seiten ebenfalls einen schwarzen, besprenkelten Rand, die Kapitelüberschriften wurden in der gleichen Schrift wie Retrum gesetzt, und die Absätze werden von kleinen Kreuzen getrennt.

Auf der Retrum-Fanseite des Verlags kann man einige Extras wie eine Playliste mit Songs, die im Buch erwähnt werden, und die verwendeten Zitate entdecken. Ein QR-Code auf dem Buchcover hält außerdem als besonderes Schmankerl das Retrum-Lied (siehe Zitat oben) bereit.






Francesc Miralles
Retrum
Loewe Verlag
345 Seiten
Klappenbroschur
ISBN-13: 978-3785570388
Cover © Loewe Verlag

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