Sonntag, 6. November 2011

November-Buch 2

Bücher mit indianischem Hintergrund hatte ich schon viele Jahre nicht mehr in den Händen, zu sehr liebe ich Elfen, Drachen, Vampire und ähnliches und vor allem wird in diesem Bereich derzeit unendlich viel geboten. Auf der Buchmesse hat uns Autorin Jutta Wilke jedoch wärmstens die Werke von Antje Babendererde empfohlen, die ich zwar schon im Hinterkopf hatte, aber noch nicht im Regal. Das hat sich nun geändert!

Zum Inhalt:
Fünf Jahre sind vergangen, seit Hanna zum letzten Mal am Cape Flattery im Reservat der Makah-Indianer war. Damals suchte sie nach einem talentierten Pfahlschnitzer für das Museum in Deutschland, in dem sie arbeitet, und fand die Liebe in Jim Kachook. Doch der verschwand vor viereinhalb Jahren spurlos und Hanna zieht seitdem ihre Tochter Ola alleine groß, von der Jim keine Ahnung hat. Im Reservat hat sich inzwischen einiges getan, Touristen sind zwar immer noch nicht beliebt, werden aber als notwendiges Übel geduldet. So gibt es nun am Cape einen befestigten Aussichtspunkt, doch als sich Hanna anlehnt, gibt die Brüstung nach. Einzig dem Makah-Indianer Greg ist es zu verdanken, dass Hanna mit dem Leben davon kommt. Zusammen mit ihm macht sich Hanna auf die Suche und stößt auf eine Mauer des Schweigens und des Hasses, denn auch hier wird Jim vermisst und man gibt der weißen Frau aus Deutschland die Schuld...

Sprache, Stil, Figuren:
Die Geschichte wird in der dritten Person in der Vergangenheitsform erzählt. Die Perspektive bleibt oft bei Hanna und schildert ihre Erlebnisse, es werden aber auch andere Personen wie Greg begleitet, deren Gedanken in Kursivschrift erscheinen und auch noch zusätzlich näher erläutert werden. Der Stil ist sehr beschreibend und ausführlich, sodass einem schnell das Reservat mit seiner beeindruckenden Naturkulisse und die handelnden Figuren vor Augen stehen. Vor allem, wenn es um die Sitten und Gebräuche der Makah-Indianer geht, merkt man der Autorin ihre Leidenschaft für das Thema an. Sensibel und detailverliebt bringt sie dem Leser deren Geschichte und aktuelle Situation nahe, vermittelt eine andere Sichtweise auf die Welt mit wunderschönen Worten und weckt die Neugier auf mehr.

Das Klappern der Rasseln war betäubend. Mit wilden Schreien schleuderten die Tänzer ihre Hoffnungen aus den Kehlen. Im wandelnden Schatten des flackernden Feuers tanzten die Roben aus Leder oder Zedernfaser ihren eigenen Tanz. Die bemalten Masken mit ihren langen Haaren und Federn verwandelten sich in lebendige Ungeheuer. Die Menge feuerte die Tänzer durch Klatschen und Gesang an. (Seite 237)

Die Liebesgeschichte zwischen Hanna und Greg und die Entwicklung der beiden nimmt einen Großteil der Handlung ein. Hanna hat vor fünf Jahren in Jim ihre vermeintliche große Liebe gefunden und schon nach kurzer Zeit verloren, doch nun ist sie dort, wo alles seinen Anfang nahm, um Klarheit zu schaffen und ein neues Leben zu beginnen. Greg stand Jim ebenfalls nahe, er war ihm wie ein Bruder und großes Vorbild. Er versucht seinen Platz in der Makah-Gesellschaft zu finden und den hohen Erwartungen seines Vaters gerecht zu werden. Zunächst begegnet Greg Hanna mit Misstrauen, doch schon nach wenigen Tagen beginnen die ersten Gefühle zwischen den beiden zu reifen. Da wird auf jeden Fall einiges fürs Herz geboten und wer es auch mal ein wenig kitschig mag, wird nicht enttäuscht. Der Lesefluss war sehr angenehm und ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen, da auch die Spannung konstant bis zum Schluss gehalten wurde.


Als Greg sich wieder seinem Pfahl zuwandte, sah er, wie seine Figuren lebendig wurden. Sie lösten sich aus dem Holz und stiegen zum Himmel auf, dorthin, wo die Wipfel des nahen Waldes in flammendes Morgenrot tauchten. Vor dem brennenden Hintergrund bildeten sie eine Reihe schwarzer Gestalten: Bär, Otter, Wolf, Lachs und zuletzt der Rabe. (Seite 309)

Neben den beiden Hauptfiguren gibt es auch noch einige interessante Nebenfiguren, die verschiedene Perspektiven innerhalb des Reservats vertreten. Die beiden Polizisten Oren und Bill, der eine schon älter und kurz vor dem Ruhestand, der andere noch jung und voller Tatendrang, tragen einiges an Tradition und Moderne in ihrem Herzen und versuchen einen gesunden Mittelweg zu finden. Die 15-jährige Grace ist zum ersten Mal verliebt, doch Joey, der Junge ihrer Wahl hat einen schlechten Stand bei den Makahs, was ihre Beziehung nahezu unmöglich macht. Deren Urgroßmutter Gertrude und Jims Vater Matthew sind wiederum vollkommen der alten Gebräuche verhaftet und versuchen, das auch weiterhin zu leben.

Fazit:
Rain Song ist wie eine warme Kuscheldecke an einem Regentag - die Mischung aus Liebesgeschichte, indianischer Mythen und Krimi ist spannend und einfühlsam geschrieben, sodass man nach fesselnder Lektüre mit einem guten Gefühl im Herzen zurück bleibt.

Ausstattung:
Das bedruckte Hardcover ist schlicht und ansprechend gestaltet: auf einem soften, hellblauen Grundton sieht man auf dem Titel Bäume, die fast im Nebel verschwinden. Rechts am Rand ist ein geschnitzter und bemalter Indianerpfahl abgebildet, der auch auf dem Rücken wiederholt wird. Der Titel Rain Song erscheint wie mit Kreide geschrieben und wurde zusätzlich lackiert, ebenso wie die ein paar dunkle Bestandteile des Pfahls vorn. Vor- und Nachsatzblätter sind in einem tiefen Dunkelrot gehalten, der Text selbst ist schmucklos und recht groß gesetzt, sodass der Lesefluss begünstigt wird. Die Gestaltung passt wunderbar zu den meisten anderen Büchern von Antje Babendererde und gefällt mir persönlich aufgrund der Schlichtheit sehr gut.






Antje Babendererde
Rain Song
Arena Verlag
315 Seiten
gebunden
ISBN-13: 978-3401065229
Cover © Arena Verlag

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