Montag, 25. April 2011

April-Buch 3

Vor ein paar Tagen war es noch mein meist gewünschtes Buch - Der Märchenerzähler von Antonia Michaelis. Es zieht im Moment durch alle Blogs, wird hoch gelobt und bei Amazon gepriesen. Spätestens seit Lilienblut lese ich auch gern Jugendthriller und von Antonia Michaelis, die mich schon mit Laura und der Silberwolf überzeugt hat, erst recht. Dank einer lieben Osterspende meines Papas steht das Buch jetzt bei mir im Regal - ja, es steht schon wieder drin, denn heute habe ich es innerhalb weniger Stunden verschlungen.

Zum Inhalt:
Manchmal sind es die kleinen Momente im Leben, die über den Weg entscheiden, den man einschlägt. Was wäre passiert, wenn Anna nicht die abgeliebte Stoffpuppe im Kollegstufenraum gefunden hätte? Hätte sie auch so irgendwann die Augen geöffnet, und Abel gesehen, für alle anderen nur der polnische Kurzwarenhändler, ein Drogendealer in ihrer Klasse, der mit den billigen Klamotten, die Mütze tief ins Gesicht gezogen, stets Kopfhörerstöpsel im Ohr? Doch der kleine Moment verändert alles, Anna entdeckt nicht nur die Puppe, sie beschützt sie auch vor ihren Mitschülern und findet so einen Zugang zu Abel Tannatek, der plötzlich einen Vornamen hat, eine kleine Schwester, der die Puppe gehört, ein Leben außerhalb der Schule und den festgelegten Strukturen. Sie will mehr über den verschlossenen Jungen erfahren, der wie ein Splitter aus ihrem Leben ragt, einem Leben im blauen Licht ihres behüteten Zuhauses, zwischen einer stillen Mutter und einem starken Vater, der Rotkehlchen liebt. Schon bald taucht sie ein in Abels Welt, die so anders ist, als alles, was sie bislang kannte. Am anderen Ende der Stadt, in der Plattenbausiedlung, lernt sie seine Sorgen kennen, die sich vor allem um seine kleine Schwester Micha drehen. Von der Mutter verlassen, von Michas gewalttätigem Vater bedrängt, bemüht sich Abel, seiner Schwester eine unbeschwerte Kindheit zu ermöglichen. Und so erzählt er ihr und Anna das Märchen von der Klippenkönigin, deren Insel untergeht, und die sich auf die Reise macht zum Festland, allen Gefahren zum Trotz. Mehr und mehr wird Anna von diesem Märchen gefangen genommen, doch dann geschieht ein Mord und die Grenzen zwischen Erzähltem und Realität beginnen zu verschwimmen...


Sprache, Stil, Figuren:
Antonia Michaelis Sprache ist wunderbar poetisch, man hat die Personen und Kulissen direkt vor Augen und kann genau nachfühlen, was in den Figuren vorgeht. Besonders das Märchen in der Geschichte ist einfach zauberhaft schön und wäre schon allein für sich ein kleines Kunstwerk.

"Was tun wir, wenn wir uns in diesem unendlichen, eisigen Winter verlaufen?", fragte die kleine Königin zaghaft. "Wenn wir uns verlieren? Wo finden wir uns wieder?"
"Dort, wo der Frühling ist," antwortete das Rosenmädchen. (Seite 289)

Von der ersten Seite an habe ich mit ihnen gefühlt - mit der träumerischen Anna, die nahezu schlafwandlerisch durch die Welt geht, bis sie auf Abel trifft, den Außenseiter, der Gebrandmarkte, den sich keiner genauer anschaut, einen dunklen Fleck in der ansonsten heilen Welt. Und auch mit Gitta, die gegen alles aufbegehrt, mit Bertil, dem begabten Sonderling, Hennes, dem alles leicht fällt und der nichts ernst nimmt, dem väterlichen Lehrer Knaake, den zurückhaltenden Eltern von Anna, Linda und Magnus, die ihre Sorgen verbergen, um ihrer Tochter den nötigen Freiraum zu geben... und mit Micha, einem Kind, das allem Bemühen von Abel zum Trotz viel mehr von ihrer Umwelt begreift, als es gut wäre. Sie alle habe ich auf den 446 Seiten lieb gewonnen, ich habe mit ihnen gehofft, gebangt, gelitten, geliebt, gewonnen, verloren und Verlorenes wiedergefunden. Ich war wütend, traurig, betroffen und glücklich zugleich und ich wünsche mir definitiv mehr solcher Bücher!

Fazit:
Der Märchenerzähler ist ein traurig-schönes-wunderbar-schreckliches-spannend-verstörendes Buch über verschiedene Welten, unerwartete Abgründe, über die Liebe aller Vernunft zum Trotz und die Hoffnung, dass am Ende alles gut wird. Die Geschichte hat mich nachdenklich, traurig und froh zugleich zurückgelassen, da sie mich viele Stunden durch eine Achterbahn der Gefühle geschleudert und dann wieder sicher auf den Boden der Realität abgesetzt hat. Ein absolutes Leseerlebnis!

Ausstattung:
Das gebundene Buch sieht einfach toll aus, auf grünem, dunkel auslaufendem Grund befinden sich kahle Äste mit Hagebutten, zentral ist ein Mädchen mit ausgebreiteten Armen vorm Meer, inmitten von Schneeflocken zu sehen. Nimmt man dem Schutzumschlag ab, findet man ein bedrucktes Hardcover vor, das passend dazu, nur ohne Mädchen, bedruckt wurde. Die Vorsatzblätter sind im Kontrast dunkelrot gehalten. Zu Beginn dachte ich noch, dass ich gern ein Lesebändchen hätte, doch dann war das Buch so schnell ausgelesen, dass ich es überhaupt nicht vermisst habe. In der gesamten Geschichte sind stimmungsvolle und auch befremdende Texte von Leonard Cohen eingeflochten, der sozusagen den Soundtrack bestreitet. Insgesamt ist es eine auffällige und wunderschöne Gestaltung zu einem wundervollen Buch, dass sich einen Platz in den vordersten Reihen meines Bücherregals mehr als verdient hat.




Antonia Michaelis
Der Märchenerzähler
Oetinger Verlag
446 Seiten
gebunden
ISBN-13: 978-3789142895
Cover © Oetinger Verlag

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Kommentare:

  1. Dieses Buch ist aber auch toll! Ein wahres Buchjuwel!! :)
    Tolle Rezension.

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    www.ThrillerOnline.de
    Jeden Montag neuer Lesestoff

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  2. Das freut mich, danke dir Sandrina!

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