Montag, 21. Februar 2011

Februar-Buch 6

Dieses Buch hatte ich bei Lovelybooks für eine Leserunde gewonnen und gelesen. An sich hat mir Schweigt still die Nacht gut gefallen, jedoch gibt es einen großen, stilistischen Kritikpunkt und die Diskussion darüber ist in der Leserunde dermaßen ausgeartet, dass es mir fast den Spaß verdorben hat :c/

Zum Inhalt:
Mackie Doyle ist anders. Er weiß es, seine Familie weiß es, sogar die ganze Stadt weiß es, doch keiner spricht darüber. Denn Mackie Doyle ist eigentlich nicht Mackie Doyle - er ist ein Wechselbalg. Alle sieben Jahre verschwindet in der Kleinstadt Gentry ein Kind und wird durch ein anderes Wesen ersetzt, das diesem nur auf den ersten Blick ähnelt, aber dann ganz schnell seine Andersartigkeit enthüllt. Diese Geschöpfe haben meist eine kurze Lebensdauer, nur Mackie hat auf wundersame Weise schon viele Jahre überlebt. Obwohl jeder weiß, was er ist, hat er es geschafft, den Platz in seiner Familie zu behalten und sogar Freundschaften zu schließen. Seine Andersartigkeit versucht er stets mehr schlecht als recht zu verbergen: Er kann den Anblick von Blut nicht ertragen, reagiert auf die Berührung mit Eisen mit Schwächeanfällen und geheiligten Boden kann er überhaupt nicht betreten. Doch inzwischen spürt er immer stärker, dass das Leben in der Welt der Menschen, dem einzigen Leben, das er kennt und an das er sich erinnert, seinen Tribut fordert, seine Kräfte neigen sich dem Ende zu. Die Ereignisse spitzen sich zu, als ein weiteres Kind in der Stadt stirbt, er mit jedem Tag schwächer wird und schließlich ein Fremder, dem er scheinbar zufällig begegnet, ihm zuraunt "Muss da wirklich erst so ein armes Schwein wie ich kommen, um dir zu sagen, dass du stirbst?" (Seite 73)

Sprache, Stil, Figuren:
Die Geschichte um Mackie Doyle lebt ganz klar von der düsteren, geheimnisvollen Atmosphäre - in der Ich-Perspektive von Mackie erzählt, taucht man schnell ab in die Kleinstadt Gentry, in der Aberglauben, Ignoranz und Furcht Tür an Tür wohnen. Jeder weiß um den faulen Kern der Stadt, doch keiner wagt es, offen und laut darüber zu sprechen. Verliert eine Familie ein Kind, so bleibt ihr nicht viel übrig, als das ohne großes Wehklagen zu akzeptieren oder wegzuziehen.
Die Wahrheit lautet schlicht und einfach: Man kann eine Stadt verstehen, man kann sie kennen, lieben und hassen zugleich. Man kann ihr etwas vorwerfen, ihr grollen und es ändert nichts. Letzten Endes ist man doch nur ein Teil von ihr. (Seite 47)
Einzig Mackies Klassenkameradin Tate, deren Schwester vor kurzem ausgetauscht wurde, wagt den Angriff nach vorn und beginnt mit ihrer Suche nach der Wahrheit bei der offensichtlichsten Person, die ihr weiterhelfen kann: Mackie. Zwischen den beiden Außenseitern entwickeln sich zarte Gefühle, die manchmal etwas schwer nachzuvollziehen sind. Denn da gibt es noch die perfekte Alice, die Mackie schon seit Jahren bewundert. Aber vielleicht ist es auch gerade diese Perfektion, die er nie erreichen kann, die ihn zu dem oberflächlichen Mädchen hinzieht. Mackies engste Bezugsperson ist seine Schwester Emma, die ihn ohne wenn und aber von klein an liebt und alles für ihn tut. Als sie merkt, wie schlecht es ihrem Bruder geht, nimmt sie die Hilfe gefährlicher Wesen in Anspruch und löst damit eine unaufhaltsame Kette von Ereignissen aus...
In dieser Geschichte ist Emma noch ein kleines Kind. Sie klettert aus dem Bett und tapst in ihrem Schlafanzug durchs Zimmer. Als sie die Hand zwischen die Gitterstäbe steckt, kriecht das Ding in der Wiege näher. Es versucht sie zu beißen, und sie zieht die Hand zurück, aber sie läuft nicht weg. Die ganze Nacht sehen sie einander in der Dunkelheit an. Am nächsten Morgen liegt das Ding immer noch zusammengekrümmt auf der mit Lämmern und Entchen bedruckten Matratze und starrt sie an. Das ist nicht ihr Bruder. Das bin ich. (Seite 19)
Die Haupt- und Nebenfiguren von Schweigt still die Nacht wurden nicht übermäßig gezeichnet und bei so manchem hätte man sich mehr Hintergrundwissen gewünscht, um Grundhaltungen und Vorgehensweisen besser zu verstehen. Doch mit viel Fantasie und mit dem Wissen, das zwischen den Zeilen steht, konnte ich mir alle sehr gut vorstellen und einige von den düster-sympathischen Figuren sind mir sehr ans Herz gewachsen.


Ein ganz großer Kritikpunkt an dem Buch ist jedoch die sprachliche Gestaltung: um eine authentische Jugendkultur erstehen zu lassen, würde übermäßig die derzeitige Jugendsprache verwendet. Ich empfinde das eher als störend, da ich zum einen diese Sprache nicht verwende und zum anderen dadurch die Zeitlosigkeit dieses Buches gefährdet ist. Die Sprache wandelt sich genauso wie die folgenden Generationen und irgendwann ist dieses Buch einfach überholt. Es gibt deutsche Jugendbuchklassiker, die gerade durch eine neutrale, zeitlose Sprachgestaltung erst zum Klassiker werden konnten. Dies dürfte für dieses Buch leider schwierig werden, da zudem auch diskriminierende Schimpfwörter verwendet wurden, die meiner Meinung nach in einem guten Buch nichts zu suchen haben. Das hat meine Lesefreude ein wenig getrübt, mehr kann man auch in der Lovelybooks Leserunde und in einer guten Zusammenfassung zum Thema Homophobie in der Literatur hier bei gottagivethembooks nachlesen.

Fazit:
Eine Gruselgeschichte in bester Stephen King-Manier – aus der Sicht eines Wechselbalgs eröffnen sich die Abgründe einer Kleinstadt, düster, melancholisch und manchmal auch erschreckend. Abgesehen von den oben genannten stilistischen Mängeln ein Buch, das mich sehr gut unterhalten und noch lange beschäftigt hat.

Ausstattung:
Das Cover ist klasse - ein alter Kinderwagen und verschiedene Gegenstände, die darüber hängen, mal Richtung Glücksbringer, mal absolut fahrlässig, das macht neugierig und bringt gut die Stimmung des Buches rüber. Der Hintergrund ist neblig und düster, während der Titel, der zusätzlich lackiert wurde, zu strahlen scheint. Das Titelmotiv wird auf dem Rücken wiederholt, dadurch ist das Buch auch im Regal ein wahrer Blickfang. Der Einband unter dem Schutzumschlag ist schlicht schwarz mit silberner Schrift, ein graues Lesebändchen rundet die sehr gelungene Ausstattung ab.





Brenna Yovanoff
Schweigt still die Nacht
script5-Verlag
368 Seiten
gebunden
ISBN-13: 9783839001271
Cover © script5-Verlag

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