Sonntag, 17. Oktober 2010

Oktober-Buch 2

Ende September war ich auf der Reckless-Lesung von Cornelia Funke und Rainer Strecker in der alten Oper in Frankfurt. So imposant das Gebäude von außen auch ist, hat das Innere doch eher einen gewissen Plastikcharme. Die Veranstaltung war sehr gut besucht, zum größten Teil wurde sie anscheinend als Klassenausflugsziel genutzt, weshalb durchgängig eine gewisse Unruhe herrschte. Ich fand es wirklich schade, dass die meisten Kinder sich offensichtlich langweilten, da zum einen die Aufmachung der Veranstaltung sehr erwachsen war und zum anderen der Inhalt des Buches auch eher für Jugendliche geeignet. Die Lesung selbst war sehr stimmungsvoll und wurde im Dunklen abgehalten, nur mit dem Fokus auf Frau Funke, die ein beeindruckendes Fantasiekleid trug, und Herrn Strecker, während im Hintergrund das Covermotiv des steinernen Gesichts in einem changierenden Farbenspiel erstrahlte, zusammen mit der musikalischen Untermalung eines Orchesters. Das neue Funke-Buch hatte mich bislang nicht sonderlich interessiert, da mich schon die Tintenwelt-Trilogie und vor allem die Verfilmung von Tintenherz nicht so mitgerissen hatte, und auch die Titelgestaltung von Reckless ein wenig abschreckend auf mich wirkte. Doch nach diesem Abend, noch immer die angenehmen Erzähl-Stimmen von Frau Funke und Herrn Strecker im Ohr, war für mich klar, das Buch muss ich bald lesen!



Einen ausführlichen Bericht zur Lesung findet ihr übrigens bei Anette.

Zum Inhalt:
Als der Vater von Jacob und Will vor vielen Jahren verschwand, war es vor allem der ältere Jacob, den die Sehnsucht und Neugier immer wieder in des Vaters Arbeitszimmer trieb, um herauszufinden, was geschah. Schließlich entdeckt er einen geheimen Zugang zu einer Welt hinter dem Spiegel, voller Märchen- und Sagengestalten, zauberhafter Gegenstände, magischen Abenteuern und Gefahren. Fast verliert sich Jacob in dieser Welt, wo er sich bald einen Namen als Schatzsucher macht und treue Gefährten wie die Gestaltwandlerin Fuchs findet. Die normale Welt besucht er nur noch selten seinem Bruder Will zuliebe. In einem Moment der Unachtsamkeit folgt Will Jacob aber eines Tages durch den Spiegel und wird in der Spiegelwelt von den Goyls, einem Volk von Wesen aus Stein, gegen das die Menschen hier Krieg führen, verletzt und ein schlimmer Fluch, ausgesprochen von der Dunklen Fee, nimmt seinen Lauf: Will beginnt steinernes Fleisch zu wachsen und je mehr der Stein an Macht gewinnt, desto weniger erinnert er sich an seine menschliche Seite, seine Gefühle und Bindungen werden immer schwächer… Nun ist es an Jacob, schnell ein Wundermittel zu finden, um seinen geliebten Bruder zu retten. Ihm zur Seite stehen Fuchs, das Gestaltwandler-Mädchen, und Clara, die Freundin von Will, die ebenfalls durch den Spiegel ging.



Sprache, Stil, Figuren:
Cornelia Funkes Stil ist unvergleichlich, nur wenige Autoren schaffen es wie sie, dass man sich zwischen den Seiten sofort zu Hause fühlt und auch von ganzem Herzen fühlt, was die Figuren erleben.
„Die Nacht atmete in der Wohnung wie ein dunkles Tier. Das Ticken einer Uhr. Das Knarren der Holzdielen, als er sich aus dem Zimmer schob – alles ertrank in ihrer Stille. Aber Jacob liebte die Nacht. Er spürte ihre Dunkelheit wie ein Versprechen auf der Haut. Wie einen Mantel, der aus Freiheit und Gefahr gewebt war.” (Seite 7)
In der dritten Person in der Vergangenheitsform erzählt, sorgen die wechselnden Perspektiven für einen konstanten Spannungsaufbau. Man fiebert zum einen mit Jacob und seinen Freunden mit, erfährt aber auch mehr von den Motiven und Gedanken der Goyls und Kaiserlichen, die ihren ganz eigenen Ziele in einem blutigen und grausamen Krieg verfolgen. Jacob ist die Hauptfigur im Zentrum der Erzählung, er ist der Abenteurer, der Wagemutige, der sich bedenkenlos von einer Gefahr in die nächste stürzt. Wie es scheint, ist er immer auf der Suche, kann sich aber nicht eingestehen, dass es eigentlich sein Vater ist, den er aus tiefsten Herzen zu finden wünscht. Das Mädchen Fuchs, mit dem sich Jacob ohne Worte versteht, ist schon seit vielen Jahren treu an seiner Seite und reagiert entsprechend eifersüchtig, als plötzlich Will und Clara dazu stoßen. Während sich der eigentlich sehr ruhige und ausgeglichene Will durch das wachsende steinerne Fleisch immer weiter verändert und seine menschlichen Eigenschaften vergisst, scheinen sich verbotene Gefühle zwischen Clara und Jacob zu entwickeln. Auf der Seite der Goyls lernt der Leser hauptsächlich den Hauptmann Hentzau kennen, den engsten Vertrauten des Goyl-Königs Kami'en, der voller Leidenschaft gegen die Menschen kämpft, die sein Volk einst unterdrückten und abschlachteten. Kami'en bildet zusammen mit seiner Geliebten, der Dunklen Fee, ein machtvolles, beeindruckendes Paar. Wie Feuer und Wasser sind sie und doch untrennbar. Der Liebe wegen sprach die Dunkle Fee auch einst den Fluch, der Menschen in Goyls wandelt, um ihrem König Kinder zu schenken, die sie selbst nicht gebären kann.




Fazit:
Ein abenteuerliches Märchen über Freundschaft und Liebe, voller liebenswerter und magischer Geschöpfe, zum Versinken schön! Ich freue mich schon sehr auf die weiteren Teile, denn es gibt noch viel zu erzählen aus der fantastischen Spiegelwelt.

Ausstattung:
Das Hardcover mit dem lackschwarzen Umschlag hat mich ehrlich gesagt zu Anfang ziemlich abgeschreckt. Das steinerne, grüne Gesicht fand ich gruselig und auch das Wort „Fleisch” im Titel hat mich eher abgestoßen. Nachdem ich aber die Lesung besucht und auch das Buch gelesen habe, muss ich sagen, dass die Gestaltung wirklich passend zum Inhalt ist und zu Recht eine ältere Zielgruppe ansprechen soll. Die silberne, geprägte Schrift und das Lesebändchen runden die insgesamt sehr hochwertige Ausstattung ab.





Cornelia Funke
Reckless: Steinernes Fleisch
Dressler-Verlag
346 Seiten
gebunden
ISBN-13: 978-3791504858
Cover © Dressler-Verlag


Hier geht's zur Leseprobe

Meine ausführliche Rezension bei der Leser-Welt

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